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         Video-Interviews mit

         Prof. Dr. Andrea Budde , Prof. Dr. Dr. Joseph Duss-von Werdt , Pater Anselm Grün , Dr. Wolfgang Hinz , Dr. Eleonore Höfner
         Prof. Dr. Gerald Hüther , Dr. Dr. Gattus Hösl , Prof. Dr. Andreas Kruse , Peter Lemmers , Wolfgang Lippstreu , Prof. Samy Molcho
         Dr. Reiner Ponschab , Adrian Schweizer , Dr. Thomas Steiner , Prof. Götz Werner , Prof. Dr. Josef Wieland
 

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    Pater Anselm Grün                1977 - 2013 Cellerar der Abtei Münsterschwarzach, Management-Lehrer

 

     Was eine Führungspersönlichkeit auszeichnet

Vertrauen, Ehrlichkeit und Respekt gegenüber den Mitarbeitern - Tugenden, die sich Führungspersönlichkeiten gestern vielleicht leisten konnten, die heute aber ins Abseits führen? Keineswegs, meint (Dr.) Anselm Grün, der selbst ein ‚Unternehmen’ - die Abtei Münsterschwarzach - leitet, jedoch weit darüber hinaus von sich reden macht als Vertrauter ausgebrannter Manager. In den Seminaren des Paters, eines gelernten Betriebswirts, suchen Führungskräfte nach Orientierung und tanken Energie für das oft zermürbende Alltagsgeschäft. Anscheinend Nebensächliches erscheint dabei plötzlich in ganz neuem Licht.

 

Pater Anselm, welche Rolle
spielt die Sprache für gute
Führung?Wie ich über einen Menschen spreche, macht deutlich, welche Achtung bzw. Missachtung ich ihm entgegenbringe. Wenn ich die Würde eines Mitarbeiters missachte, dann strahlt das auf die Stimmung der ganzen Abteilung aus. Wenn eine Führungsperson gut spricht, kann sie die Sprache anbieten als einen Ort, an dem man wohnen kann, wo Identität zu finden ist. Sie kann durch ihre Sprache auch eine kalte Umgebung schaffen, in der man friert und sich unbehaglich fühlt. Wenn ich so manche Zielvereinbarung lese, erschrecke ich über die Brutalität der Sprache. Man muss sich nicht wundern, wenn solche Vereinbarungen nicht eingehalten werden. Eine kalte Sprache erzeugt Widerstand.

 

In vielen Branchen ist man
doch aber eine nüchterne
Sprache gewohnt!Natürlich brauche ich für die fachliche Problemlösung eine technische Sprache. Aber ich muss darauf achten, die Techniksprache nicht als Dialogsprache zu verwenden. Sonst behandele ich den Menschen genauso wie ein technisches Instrument. Und das bleibt nicht ohne Folgen. Auch Mitarbeiter in technischen Berufen brauchen eine Sprache, die Achtung ausdrückt.

 

Nicht nur die Wortwahl spielt
eine Rolle, auch die
Intonation dessen, was
gesagt wird...Die Stimme kann das Gesagte unterstreichen, kann ihm aber auch widersprechen. Der Adressierte spürt vor allem an der Stimme, wenn eine Ausdrucksweise nicht authentisch ist, wenn etwas nur antrainiert wurde, ohne verinnerlicht worden zu sein. Eine angenehme Stimme lädt ein, schafft Verbindung. Aber denken Sie an die Wirkung der kalten, schneidenden Stimme so manches Managers!
Professionelle Schulung sollte die Wirkung der Stimme bewusst machen. Sie sollte sich aber tunlichst davor hüten, eine künstliche Stimme aufzupfropfen. Die Stimme ist Ausdruck des ganzen Menschen. Trainer können hier nur einen Prozess in Gang setzen, den Prozess des Sichselbstannehmens. Der Einzelne muss sich mit sich selbst aussöhnen.
Bewusstmachen ändert schon etwas, aber man darf sich diesen Prozess nicht wie eine Mathematikaufgabe vorstellen, die eins zu eins umzusetzen ist.

 

Sprache schafft Vertrauen,
und Vertrauen ist
Nährboden für Kreativität.
Sehen Sie einen
Zusammenhang zwischen
Sprache und Kreativität?Kreativität ist sicher auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Eine davon ist die innere Quelle, aus der ich schöpfen kann. Für uns Christen ist es die Quelle des Heiligen Geistes. Kreativität heißt auch, seiner Intuition zu trauen, eben nicht nur zu kontrollieren, sondern selbst etwas erschaffen zu wollen. Die Sprache ist immer etwas Schöpferisches. Denken Sie nur an das griechische Wort Poiesis, es bedeutet ‚Dichtung’ und auch ‚Schöpfung’.

 

Sie sprechen von Werten als
Kraftquelle gegen
Energieverlust im Alltag und
als Voraussetzung für ein
gesundes Leben  -  ist das
nicht etwas zu pathetisch?Lassen Sie mich das so erklären: Viele schöpfen aus trüben Quellen, z.B. Ehrgeiz, Sichbeweisenmüssen, Sichmiteinandervergleichen, setzen sich dadurch selbst unter Druck und sind deswegen erschöpft. Eine klare Quelle ist der Heilige Geist, etwas konkreter: die Grundwerte der Philosophie, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß und Klugheit.
Ich kann weder Mönch sein noch eine Führungsaufgabe gut ausfüllen, ohne mir selbst ehrlich zu begegnen. Natürlich spüre ich auch bei mir Ärger, Enttäuschung, Bitterkeit. Wenn ich damit aber nicht bewusst umgehe, vermischen sich diese Gefühle mit meinem Führungsverhalten. Dann kann ich noch so viele Tools lernen, strahle aber nicht aus, was ich eigentlich vermitteln möchte. Meine gute Absicht wird total verfälscht. Das erlebe ich bei vielen Führungskräften: dieses beste Wollen, das nicht von der Ausstrahlung getragen wird. Der ehrliche Weg ist zwar mühsam, aber er hilft mir selbst, ruhiger, zum spirituellen Menschen zu werden, ein weites Herz zu bekommen. Wer kleinkariert oder eng ist, regt sich über alles auf und verpulvert dann wahnsinnig viel Energie.

 

Sich über Erfolg zu
definieren ist in Ihren Augen
gefährlich  -  warum?Erfolg ist durchaus Ausdruck eines gelingenden Lebens, aber wenn ich mich über den Erfolg definiere, schaffe ich Erwartungen, die ich immer wieder erfüllen muss. Ich werde immer weiter nach oben getrieben, denn ich kann noch so hoch klettern, es wird immer jemanden geben, der mir um eine Nasenlänge voraus ist, den ich auch noch überholen muss. So hetze ich dem Leben ständig hinterher.
Bin ich aber dankbar für meinen Erfolg, so kann ich ihn genießen, muss ihn nicht mit Gewalt festhalten, denn er ist nicht mein Verdienst. Ich weiß, Geschenke gibt's nicht jeden Tag, das lässt mich auch Misserfolge annehmen.

 

In die Wiege gelegt wurde
Ihnen die Haltung nicht.
Als Junge konnten Sie beim
Fußballspielen partout nicht
verlieren...Ich war immer mit Leidenschaft bei der Sache. Ich wundere mich heute manchmal, wenn ich Jungs auf dem Fußballplatz sehe, die den Ball rollen lassen, ohne ihm nachzulaufen. Das könnte ich nicht! Verlieren fällt mir auch heute noch nicht leicht.

 

 

Sie sehen Führung als
Dienst am Menschen und für
den Menschen. Keine
verlockende Aussicht für
jemanden, der jahrelang hart
auf eine Führungsposition
hinarbeitet!Wer unreif ist, braucht die Führungsaufgabe für sich selbst, um gut dazustehen. So manche Abteilungsleiter sammeln um sich herum lauter Bewunderungszwerge. Sie müssen andere klein halten, um an die eigene Größe glauben zu können. Sie dienen nur sich selbst und nutzen alle anderen aus.
Führung als Dienst am Menschen ist natürlich nicht zu verstehen im Sinne von 'willfährig sein'. Es geht um ein 'Lebenhervorlocken'. Wer Führung so versteht, wird sehen, dass die Menschen aufrechter aus der Firma herausgehen, dass sie ihm sein Verhalten danken. Er wird Zuwendung erhalten und sehen, dass es den Menschen Spaß macht, mit ihm zu arbeiten. Also bekommt er auch viel zurück. Trotzdem: Ich führe nicht um zu bekommen, sondern um der Sache zu dienen. Die Zufriedenheit stellt sich ganz von selbst ein - das Gefühl, das Leben lohne sich, weil es harmonisch fließt.

 

Die unter Führungskräften
verbreitete Neigung zum
Perfektionismus sehen Sie
eher kritisch. Bleibt
Managern denn angesichts
der weitreichenden
Entscheidungen, vor denen
sie täglich stehen, eine
andere Wahl?Der Perfektionist neigt zur Entscheidungsschwäche, weil er immer bestrebt ist, die absolut richtige Entscheidung zu treffen. Diese kann es aber nicht geben. Natürlich sollten Entscheidungen wohl abgewogen sein, aber wir brauchen auch die Intuition, um richtig zu entscheiden.
Wir brauchen Mut zur Entscheidung und auch den Mut, Fehler zu machen. Die innere Bereitschaft, zu Fehlern zu stehen, gehört zur Entscheidung. Der Perfektionist, der nur ja keinen Fehler begehen will, schiebt die Entscheidung immer weiter hinaus, weil er nie alle Aspekte erkennen kann. Das aber ist oft viel schlechter als eine suboptimale Entscheidung. Nur wer zu fehlen wagt, kann seine Mannschaft in ein neues Land führen.

 

Was zeichnet eine gute
Führungskraft aus?Sie sollte mit sich selbst versöhnt sein, von ihr gehen Vertrauen und Optimismus aus. Eine gute Führungskraft packt die Dinge an und verspürt Lust, Probleme zu lösen, neue Ideen zu entwickeln und damit erfolgreich zu sein. Und sie kann mit Misserfolgen umgehen! Viele Manager versuchen, jeden Misserfolg zu verdrängen oder anderen in die Schuhe zu schieben. Das begünstigt Intrigen.
Ein befreiendes, ehrliches Klima entsteht, wenn die Führungskraft zugeben kann: Ja, das habe ich falsch gemacht oder übersehen. Das ermutigt andere, Aufgaben beherzt anzugehen.

 

Sie schreiben in Ihrem Buch
"Leben und Beruf", Sie
würden gerne wie Alexis
Sorbas Sirtaki tanzen
können, wenn Ihnen der
Lastenaufzug auf die Füße
fällt  -  ein etwas eigenartiger
Wunsch!Diese Filmszene ist ein schönes Bild für den gelassenen Umgang mit wirtschaftlichem Erfolg, für dessen Relativierung. Alles, was ich tue, tue ich mit Sorgfalt. Ich versuche mit all meinen Kräften, die Abtei auf Dauer zu sichern. Aber sollte das trotz aller Anstrengungen nicht gelingen, stehe ich vor der Frage: Was zählt wirklich? Für mich ist es der Blick in die Zukunft!

 

 

Mit Pater Anselm Grün sprach Susanne Kihm. Das Interview wurde erstmals veröffentlicht im Magazin DER F&E MANAGER (03/2005).

 

Sehen Sie dazu auch:

"Geld gefährdet die innere Freiheit"
Pater Anselm im Interview mit Matthias Drobinski und Alexander Hagelüken
Süddeutsche Zeitung vom 8. Februar 2008
 

"Junge Kämpferin für alte Werte"
Stefanie Unger erklärt Führungskräften, warum sich Vertrauen, Ehrlichkeit und Respekt für sie lohnen
Süddeutsche Zeitung vom 18. Dezember 2006 (Beitrag von Dagmar Deckstein)

 

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